Stahlharte Supply Chains schmieden

Stahlharte Supply Chains schmieden:
Kommt jetzt die Re-Regionalisierung?

Die kumulativen Effekte gleich mehrerer Krisen (Pandemie, Ukrainekrieg, Logistik- und Klimakrise), aber auch die Launen der Natur sorgen derzeit dafür, dass Supply Chain Management zur Chefsache in zahlreichen Unternehmen wird. Der Status quo globaler Lieferketten steht auf dem Prüfstand. Von 1990 bis 2005 sorgten weltumspannende Handelsabkommen sowie zunehmende Vernetzung noch für einen ungekannten Boom beim internationalen Güteraustausch. Heute geben leere Supermarktregale, steigende Preise und Produktionsstopps Unternehmen wie Politikern Anlass zum Grübeln. Müssen wir nun Umdenken beim Thema Globalisierung?

Es mangelt an Lieferzuverlässigkeit

In zahlreichen Werken von Automobilherstellern sind Produktionsstopps mittlerweile ein bekanntes Übel. Jüngst wurden sie ausgelöst durch Lieferprobleme aufgrund des Ukrainekrieges, doch auch Probleme wie der Chipmangel sind industrieübergreifend noch nicht überwunden. Interessanter Fakt zum Thema: Etwa 50 % der Halbleiter kommen aus Taiwan. Ein gefährlicher Prozentsatz findet auch die EU-Kommission, deren Reaktion in puncto Chips den Bewusstseinswandel vielerorts abbildet. Mit dem EU-Chips-Act will die Kommission den Marktanteil bis 2030 von 10 auf 20 % verdoppeln. Die USA verfolgen derweil ihren eigenen Chip-Act. Was in der Halbleiterindustrie passiert, steht stellvertretend für die Situation in zahlreichen Branchen.

Es mangelt links und rechts an Teilen aller Art – die Gründe sind vielfältig: Lockdowns, fehlende Grundkomponenten oder ganz einfach Schwierigkeiten beim Verschiffen bereits gefertigter Ware. Wer heute an freie Container für Lieferfahrten kommt, kann sich glücklich schätzen. Das Credo lautet daher nicht mehr, wie lange Zeit „Hauptsache günstig“, sondern „bevorzugt zuverlässig“. Die Stimmung der Unternehmen dreht sich und so auch die möglichen Pläne für das Supply Chain Management von morgen.

Die Filetierung der globalen Handelskette: USA, Europa, Asien

Ein zunehmend beliebter Lösungsansatz ist die Re-Regionalisierung von Lieferketten zwecks Stabilisierung der Versorgungslage. Konkret könnte dies den Abgang von globalen Handelsketten hin zu abgeschlossenen kontinentalen Supply Chains (Europa, Asien, USA) bedeuten. Die gesamte Wertschöpfungskette würde so jeweils innerhalb eines Gebiets unabhängig funktionieren. Befeuert wird diese Strategie gerade durch das Decoupling (die Abtrennung) Europas vom russischen Markt. Ganz klar sind die geografischen Linien dieser Filetierung der Landkarte in Handelszonen jedoch noch nicht, immerhin zählt etwa ¼ der russischen Fläche zu Europa – ein Riss in der Brücke gen Osten. Die Realität ist hier wie so oft komplexer als die Theorie.

Eins ist klar: Insgesamt würden europäische Lieferketten plötzlich enorm an Wichtigkeit gewinnen. Die Preislage bliebe dabei nicht unberührt, es käme sogar zu deutlichen Preissteigerungen. Doch ein positiver Nebeneffekt wäre die daraus folgende sinkende Preissensibilität auf Lohnkostenseite. Diese Erfahrung hat der Züblin-Konzern gemacht. Die Personalkosten spielen für die Stahlsparte des Unternehmens angesichts der immensen Herstellungskosten eine untergeordnete Rolle. Züblin hat es geschafft, in Zeiten der Unsicherheit für Zuverlässigkeit und Qualität zu stehen.

Pro

Für eine Filetierung der Handelskette spräche einiges. Zum einen gingen mit einer geschrumpften Handelszone kürzere Transportwege einher. Bedeutet: Kürzere Lieferzeiten, bessere Planbarkeit und massive Boni für die Umwelt. Die Gewährleistung der Einhaltung von Arbeits- und Menschenrechten würde außerdem um einiges erleichtert. Darüber hinaus hat der rasante Fortschritt in puncto Automatisierung großes Potenzial, repetitive Tätigkeiten, für die der hiesige Arbeitnehmermarkt nicht ausgelegt ist, weiter auf Roboter auszulagern. Dadurch kämen die hohen Qualitätsstandards, die unsere heimischen Fachkräfte, Gesellen und Mitarbeiter über alle Ebenen hinweg ausmachen, stärker zur Geltung. Die Folge: Eine höhere Konkurrenzfähigkeit – preislich wie qualitativ.

Contra

Auf der anderen Seite sind strikt regional getrennte Supply Chains in vielen Industrien derzeit noch unrealistisch. So bezieht die EU 90 % ihrer kritischen Rohstoffe aus nicht EU-Ländern (einen großen Teil davon aus China). Viele Rohstoffe gibt es schlichtweg nur in bestimmten Regionen. Weiterhin hebt die Globalisierung vielerorts Menschen aus der Armut. Ein gutes Beispiel dafür ist Bangladesch, ein Land, das vor allem hinsichtlich der Textilproduktion mit Deutschland verflochten ist und sich nunmehr seit 30 Jahren im Aufschwung befindet. Viele Menschen verloren durch Auftragsstornierungen aus der EU während der Pandemie ihre Jobs.

Globalisierungspotenzial

Praktisch undenkbar ist zudem die Aufspaltung des ultra-lukrativen global Data Geschäfts, das unentwegt und unbeeindruckt von der Pandemie weiterwächst. Dabei haben 37 % der Weltbevölkerung noch gar keinen Internetzugang. Das Potenzial globaler Datenströme bleibt also weiterhin enorm. Auch in physischer Hinsicht erweist sich der globale Handel in Krisenzeiten als nützlich. Das zeigen zum Beispiel die Gespräche mit Afrika über erweiterte Gaslieferungen.

Worauf es in Zukunft ankommt

Die Märkte entwickeln sich schon seit geraumer Zeit in Lichtgeschwindigkeit. Etliche Experten sind sich einig: Wir befinden uns bereits jetzt in einer industriellen Zeitenwende, dessen Ausmaß erst in einigen Jahrzehnten wirklich begriffen werden kann.

Es fängt beim Budget an: Preis, Preis, Preis – diese Haltung wird langsam, aber sicher abgelöst von Faktoren wie Lieferfähigkeit, Termintreue und Zukunftsfähigkeit, denn die versprechen tatsächlich langfristige Solvenz. Lieferanten lassen sich nicht mehr so einfach wie früher im Preis drücken, – die Nachfrage gibt ihnen dabei Recht. Zudem gewinnen soziale Faktoren und Nachhaltigkeit unentwegt an Wichtigkeit. Der Carbon-Footprint hat sich nun vollends als Key-Faktor für das allgemeine Ansehen von Unternehmen einzementiert, ein Fundament, das wahrscheinlich nicht so schnell aufweichen wird. Als starke, geeinte Region zusammenzuwachsen scheint sinnig, auch im Anbetracht der Tatsache das geeinte Wirtschaftsräume schlichtweg mehr miteinander gemeinsam haben. So bleibt beispielsweise der Nahe Osten von den momentanen Preissteigerungen des EU-Raumes unberührt, die Schwankungen sind schlichtweg nicht tragbar für die Region.

Wie genau Unternehmen die angestrebte Supply Chain Resilienz erreichen werden, bleibt zu beobachten. Es kann jedoch sehr gut sein, dass wir in nächster Zeit in einigen Industrien einen Shift hin zu klar getrennten Ketten beobachten werden können. Der Ansatz bleibt trotz möglicher Startschwierigkeiten vielversprechend.

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